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geschrieben am: 03. Juni 2026

Käse, Aal und das Herz des Wattenmeers

Diese Nordholland-Rundreise steckt voller Geschichte, Geschmack und unerwarteter Entdeckungen.

Eine Reiseleiterin begleitete uns auf der Fahrt durch ein besonderes Kulturerbe ins schöne, aber sehr lebhafte Volendam. Unser Weg führte uns durch Beemster – uns allen bestens durch den leckeren Käse bekannt. Was sicher niemand im Bus wusste: Der Beemster (Droogmakerij de Beemster) ist einer der ersten Polder der Niederlande, ein „Meisterwerk der Landgewinnung" und seit 1999 UNESCO-Weltkulturerbe.

Hier wurde schon sehr früh Torf abgebaut, der Boden senkte sich, und Sturmfluten ließen einen großen See entstehen. Um 1607 begann man – finanziert durch reiche Kaufleute – mit Hilfe von 43 Mühlen mit der Entwässerung. 1612 war er trocken gefallen. Nach einem strengen geometrischen Muster wurden Straßen angelegt, Gräben ausgehoben und Bauernhäuser gebaut. Das neu entstandene Land bestand aus fruchtbarem Lehmboden und lieferte gute Erträge; De Beemster wurde eine der wohlhabendsten Regionen. Reiche Kaufleute und Bürger aus Amsterdam bauten sich hier stattliche Herrenhäuser und Landsitze – das ein oder andere konnten wir vom Busfenster aus bewundern. Das Land liegt übrigens durchschnittlich 3,5 Meter unter dem Meeresspiegel.

Wir fuhren am ältesten Dorf, Middenbeemster, vorbei. Hier gibt es ein kleines Museum, und hier produziert die 1901 gegründete Genossenschaft CONO aus der Milch der grasenden Kühe den Beemster Käse. Middenbeemster und das ehemalige Fischerdorf Rijp sind sicher auch einmal einen Besuch wert – halten konnte unser Bus dort leider nicht. Schade, die hübschen Häuser nur von weitem zu sehen. Auch heute entdeckten wir wieder das ein oder andere der schönen Stolpboerderijen mit ihren pyramidenförmigen Dächern, die – über die holländischen Einwanderer – Vorbild für den nordfriesischen Haubarg waren.

Smit Bokkum: Aal wie seit 1856

Erste Station in Volendam war die Aal-Räucherei Smit Bokkum. Seit mehr als 150 Jahren und über sechs Generationen wird hier Fisch geräuchert – die ganze Familie hilft beim Schneiden, Enthäuten und Filetieren. Bokkum bedeutet geräucherter Hering; die Brüder Jan und Evert Smit gründeten die erste Räucherei in Volendam, die allerdings 1916 durch eine Überschwemmung zerstört wurde. Die heutige Räucherei mit Restaurant und Laden liegt gegenüber der Marina, von der Terrasse hat man einen schönen Blick auf das Wasser. Geräuchert wird noch wie 1856. Evert Smit berichtete voller Enthusiasmus über seine Arbeit, die Familiengeschichte und das Engagement für den Erhalt der traditionellen Aalzucht im IJsselmeer. Und natürlich gab es Aalhäppchen – den Reaktionen nach zu urteilen, sehr schmackhaft.

Simonehoeve: Pflichtprogramm mit Fragezeichen

Nach diesem interessanten Abstecher hielten wir überraschend bei Simonehoeve: ein „Käse- und Holzschuhbauernhof mit gemütlicher niederländischer Bauernhofatmosphäre", wie es in der Beschreibung heißt. Gemütlich war es nicht wirklich, und Bauernhofatmosphäre suchte man vergeblich. Die Käseherstellung wurde im Kurzvortrags-Stil erklärt – etwas gewollt witzig. Dann ging es weiter zur Holzschuhherstellung: kurzzeitig extrem laut, während ein eher gelangweilt wirkender junger Mann das maschinelle Aushöhlen eines Schuhs vorführte. Es ist wichtig, alte Traditionen zu zeigen und zu erläutern – aber das geht sicher auch anders. Anschließend sehr große Verkaufsräume: Klompen in allen Farben, Käse zum Probieren, Tulpen aus Holz. Das erinnerte ein wenig an touristische Attraktionen der 70er Jahre. Spannender war es draußen, nicht zuletzt wegen der Werbefotos, die dort gerade gedreht wurden. Insgesamt hätte dieser Stopp es vielleicht nicht gebraucht – denn in Volendam selbst gibt es Käse, Holzschuhe und typische Artikel in größerer Vielfalt und oft deutlich preiswerter.

  Volendam: Das schlagende Herz am Deich

Endlich Volendam. Vom Busparkplatz waren es nur wenige Schritte: eine kleine Gracht überqueren, ein paar Stufen erklimmen – und schon standen wir auf dem Deich. An der Gracht gab es dabei einen netten Einblick in die Tierwelt, die sich von den Menschen überhaupt nicht stören ließ, darunter ein sehr niedlicher Haubentaucher.

Die Noordeinde, so heißt der Abschnitt der Deichkrone, ist das schlagende Herz des Örtchens: Cafés, Restaurants, Souvenirläden und vieles mehr. Der Deich selbst ist gerade mit Bauzäunen dekoriert – dahinter steckt ein mehrjähriges Projekt zur Deichverstärkung. Welche Relevanz ein sicherer Deich hat, das hat Volendam im Februar 1916 erlebt: 75% der Häuser standen unter Wasser.

Leider war die Zeit zu kurz für alles, was Volendam noch zu bieten hat. Das alte Zentrum, „Het Doolhof" – auch das Labyrinth genannt –, mit engen Gassen und alten Häusern, die einst Maler und Künstler begeisterten. Oder ein Spaziergang am Flüsschen Ije (auch E genannt), von dem Edam seinen Namen hat: Ije-Damm. Interessant auch die beiden Museen mit ihrer Fischereigeschichte und der Ausstellung über den „Pallingsound": Palling ist Niederländisch für Aal, und der Begriff steht für den eingängigen Musikstil, der Volendam bekannt machte – die George Baker Selection und The Cats kennt wohl jeder. Sehenswert ist zudem die Stolphoevekerkje von 1658, eine der beiden verbliebenen Bauernkirchen Nordhollands, deren Turm mit der Glocke auf dem Pyramidendach den heimkehrenden Fischern als Leuchtfeuer diente. Auf dem Weg fallen außerdem vier Bronzefiguren auf: „De Bap" – der Großvater –, der Visserman mit einem goldenen Aal im Korb, die Oma sowie zwei lesende Kinder. Ob der goldene Aal Glück bringt, wenn man ihn berührt?

Ohne den Besuch bei Simonehoeve hätte man sicher noch viel mehr entdecken können.

Texel: Die Insel am Ende der Welt

Am letzten Tag stand gegen Aufpreis ein Ausflug nach Texel auf dem Programm – der größten niederländischen Watteninsel. Texel (ausgesprochen: Tessel) unterscheidet sich in seiner Entstehung deutlich von den anderen Watteninseln: Diese sind das Ergebnis wandernder Dünen im Watt, Texel dagegen ist ein Überbleibsel eiszeitlicher Geestablagerungen. Erst die Allerheiligenflut von 1170 trennte sie vom Festland. Die Überfahrt von Den Helder dauert gerade einmal 20 Minuten.

Oudeschild: Kleiner Hafen, große Geschichte

Erste Station auf Texel war das Fischerdörfchen Oudeschild. Man mag kaum glauben, dass dieser verträumt wirkende Hafenort einst ein wichtiger Umschlagsplatz war: Im 17. und 18. Jahrhundert stachen hier die Schiffe der Ostindischen Kompanie in See, und durch das nur 4 km breite Seegat Marsdiep lief der gesamte Schiffsverkehr der großen Häfen wie Amsterdam und Enkhuizen. Manchmal warteten Hunderte Segelschiffe auf günstigen Wind.

Direkt hinter dem Deich liegt die Getreidemühle „De Traanroeier" von 1727, 1902 in Einzelteilen nach Texel gebracht, restauriert und heute Teil des Museum Kaap Skil. Das Museum zeigt Strandgutfunde und Prunkstücke aus einem 2014 entdeckten Wrack, das 400 Jahre im Watt lag, sowie im Freigelände authentisch eingerichtete Häuser, eine Seegrasscheune und eine Schmiede. Für all das war leider keine Zeit – wir wollten ja noch vieles entdecken.

Tuunwallen, Schafe und ein Soldatenfriedhof

Weiter ging es über den Hoge Berg Richtung Burg. Der Hoge Berg ist der älteste Teil Texels, vor etwa 150.000 Jahren aus Geschiebelehm entstanden und heute Landschaftsschutzgebiet mit schönen Rad- und Wanderwegen. Typisch für dieses Gebiet sind die Tuunwallen – Mauern aus übereinandergestapelten Grassoden, rund 1,5 m hoch und 1 m breit. Als sie gebaut wurden, gab es keinen Wald und Holz war knapp. Früher waren sie mit stacheligen Pflanzen wie Sanddorn bewachsen, heute blühen sie bunt und sind Insektenparadiese. Dazu kommen die markanten Schapenboeten – halbe Scheunen in der Landschaft, nach Osten ausgerichtet gegen den vorherrschenden Westwind, in denen Futter für die Schafe lagerte.

Einen kurzen Stopp legten wir am Georgischen Soldatenfriedhof Loladze ein. Auf Texel fand eine der letzten Schlachten des Zweiten Weltkriegs statt: Am 6. April 1945 erhob sich das georgische Bataillon gegen seine deutschen Kommandeure. 120 Einheimische und 565 Georgier wurden getötet. Am 20. Mai 1945 befreiten die ersten kanadischen Soldaten das „letzte Schlachtfeld Europas".

Der Norden: Polder, Vögel und Leuchtturm

Im nördlichsten Teil der Insel, Eierland, wartete ein malerischer Halt: die Poldermühle „Het Noorden" auf dem Deich, erbaut zur Entwässerung des 1876 trockengelegten Polders. Hier an der Wattseite lässt sich bei Ebbe eine reiche Vogelwelt beobachten – Löffler, Schneeammern, Kiebitzregenpfeifer. Texel ist ein absoluter Hotspot für Vogelliebhaber: Über 360 Arten machen hier Station. In diesem Winter wurde sogar die extrem seltene Brillen-Eiderente entdeckt, die eigentlich in Alaska und Ostsibirien lebt. Ob sie wie wir einfach mal Texel kennenlernen wollte?

Den Burg, der größte Ort der Insel, streiften wir leider nur – kein Halt, kein Bummel. Am Horizont tauchte noch der 47 m hohe Leuchtturm Eierland auf, das Wahrzeichen der Insel, bevor unser Fahrer Joachim auf dem engen Deichabschnitt sein ganzes Können unter Beweis stellen musste.

Ecomare, Strand und Abschied

Am Ende der Inselrundfahrt stand die Wahl: Ecomare oder Strand. Das Ecomare ist Naturkundemuseum, Meeresaquarium und Robben-Auffangstation in einem – ein Besuch braucht ungefähr zwei Stunden, der Eintritt kostet 16 Euro. Der Strand erinnerte an Egmond, war aber weniger voll. Was wir leider erst zu spät bemerkten: Direkt am Parkplatz lagen zwei Zugänge in die Dünen. Ein Spaziergang zwischen blühendem Heidekraut hätte den Besuch perfekt abgerundet.

Zurück am Hotel blieb noch Zeit für einen letzten Strandspaziergang. Und der hielt eine kleine Entdeckung bereit: angeschwemmte Sepia-Eier, schwarz und geformt wie kleine Zitronen. Vielleicht kamen sie aus der Oosterschelde, wo die Sepias jeden Frühling ihre Eier ablegen. Die Luft war grau, aber angenehm warm, ein letztes Mal Füße ins Wasser – und eine schöne Reise zu Ende. Fazit: I love Egmond.

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